Abnehmspritzen können Hunger und Appetit deutlich verändern. Doch eine langfristige Perspektive umfasst mehr als das Gewicht.
Plötzlich ist es ruhiger. Der Hunger meldet sich seltener, der Appetit verändert sich und das Essen nimmt weniger Platz im Kopf ein.
Für Menschen, die seit Jahren mit ihrem Gewicht kämpfen, können Wegovy oder Mounjaro eine grosse Erleichterung sein. Vielleicht entsteht zum ersten Mal seit langer Zeit das Gefühl:
Ich muss nicht mehr ständig gegen mich selbst kämpfen.
Diese Entlastung ist real und tut erst einmal gut.
Wegovy und Mounjaro sind verschreibungspflichtige Medikamente. Ob eine Behandlung geeignet ist, wie lange sie dauert und wie sie begleitet wird, sollte immer individuell mit einer Ärztin oder einem Arzt entschieden werden.
Neben den medizinischen Fragen lohnt sich noch ein anderer Blick: Die ruhigere Zeit kann helfen, die eigene Beziehung zum Essen neu kennenzulernen.
Wenn das Essen weniger Raum im Kopf einnimmt
Darf ich das essen? War das schon zu viel? Warum habe ich wieder Hunger? Weshalb kann ich mich nicht einfach zusammenreissen?
Wer solche Gedanken lange kennt, erlebt ihr Leiserwerden oft als Befreiung. Entscheidungen fallen leichter und der innere Kampf lässt nach.
Doch weniger Appetit löst nicht automatisch alles auf, was sich über Jahre rund ums Essen entwickelt hat. Frieden mit dem Essen bedeutet mehr als bloss weniger zu essen. Er zeigt sich auch darin, Hunger nicht länger als Feind zu erleben, Essen geniessen zu können und sich danach nicht sofort zu verurteilen.
Was die Spritze verändert – und was bleiben kann
Wegovy und Mounjaro wirken auf körperliche Prozesse, die Hunger, Sättigung und Appetit beeinflussen. Essen erfüllt jedoch nicht nur eine körperliche Funktion. Es kann beruhigen, trösten oder nach einem schwierigen Tag für einen Moment Entlastung bringen.
Solche Erfahrungen verschwinden nicht zwingend, nur weil der körperliche Hunger schwächer wird.
Eine kleine Untersuchung mit 92 Menschen mit Typ-2-Diabetes liefert dazu einen interessanten Hinweis: In den ersten drei Monaten einer Behandlung mit verschiedenen GLP-1-Medikamenten nahm emotionales Essen zunächst ab. Nach zwölf Monaten lag es wieder ungefähr auf dem Ausgangsniveau.
Die Ergebnisse lassen sich nicht einfach auf alle Menschen übertragen. Sie zeigen aber, dass sich emotionales Essen anders entwickeln kann als Hunger oder Gewicht (Koide et al., 2025).
Wenn Gefühle und Bedürfnisse bleiben, ist das keine Schwäche. Es kann vielmehr eine Gelegenheit sein, genauer hinzuhören: Ist das körperlicher Hunger? Fehlt gerade Ruhe, Trost, Nähe oder eine Pause?
Darauf gibt es nicht immer sofort eine klare Antwort. Schon das Innehalten kann etwas verändern.
Warum die Behandlung länger dauern kann
Wegovy oder Mounjaro müssen nicht zwingend nach einer bestimmten Zeit abgesetzt werden. Für manche Menschen können sie Teil einer längerfristigen medizinischen Behandlung sein. Die Medikamente sollten nicht eigenständig abgesetzt werden. Auch die Dosierung sollte nur nach ärztlicher Rücksprache verändert werden.
Denn nach dem Absetzen nehmen viele Menschen wieder zu. Eine Übersichtsarbeit mit 37 Studien und insgesamt 9341 Erwachsenen bestätigt diese Entwicklung (West et al., The BMJ, 2026).
In der STEP-1-Verlängerungsstudie hatten die Teilnehmenden ein Jahr nach dem Absetzen von Semaglutid durchschnittlich etwa zwei Drittel des zuvor verlorenen Gewichts wieder zugenommen (Wilding et al., 2022). Auch beim Absetzen von Tirzepatid kam es in der SURMOUNT-4-Studie erneut zu einer Gewichtszunahme. Bei fortgesetzter Behandlung liess sich das Gewicht besser stabilisieren (Aronne et al., JAMA, 2024).
Das bedeutet nicht, dass jeder Körper gleich reagiert. Es zeigt aber, weshalb Abnehmspritzen nicht vorschnell als kurze Übergangslösung betrachtet werden sollten.
Gewichtszunahme ist kein persönliches Versagen
Wenn Hunger, Appetit oder Gewicht wieder zunehmen, fehlt es nicht einfach an Disziplin. Unser Körper reguliert diese Vorgänge über komplexe biologische Mechanismen. Verändert sich die Wirkung eines Medikaments, können sich auch Hunger und Gewicht erneut verändern.
Wer wieder mehr Hunger verspürt oder zunimmt, hat deshalb nicht versagt. Gerade Menschen, die schon viele Diäten hinter sich haben, brauchen an diesem Punkt keine neuen Vorwürfe. Sie brauchen eine ehrliche Einordnung und eine Begleitung, die sie nicht auf eine Zahl reduziert.
Hier bietet intuitives Essen eine zusätzliche Unterstützung. Es ersetzt das Medikament nicht und kann keine Gewichtsstabilität versprechen. Es hilft jedoch dabei, einen verlässlicheren und entspannteren Umgang mit Essen zu entwickeln.
Was intuitives Essen beitragen kann
Intuitives Essen beginnt mit einem aufmerksamen und freundlichen Kontakt zum eigenen Körper. Dazu gehören Hunger und Sättigung, aber ebenso Genuss, Zufriedenheit, Bekömmlichkeit und eine ausreichende Versorgung. Auch Gefühle und Bedürfnisse dürfen wahrgenommen werden, ohne das Essen sofort als falsch zu bewerten.
Unter Wegovy oder Mounjaro kann der Hunger sehr leise werden. Manche Menschen vergessen Mahlzeiten oder bemerken erst spät, dass sie zu wenig gegessen haben. Intuitiv zu essen kann deshalb auch bedeuten, dem Körper mit regelmässigen Mahlzeiten und einer sanften Struktur verlässlich Nahrung anzubieten.
Mit der Zeit kann ein klareres Gespür dafür entstehen, welche Mahlzeiten Kraft geben, was wirklich schmeckt und wie sich angenehme Sättigung anfühlt. Ebenso darf sichtbar werden, wann Essen Trost spendet oder eine Pause ersetzt.
In meiner Arbeit schauen wir gemeinsam darauf, was das persönliche Essverhalten beeinflusst und welche Aufgabe es übernommen hat. Vielleicht hat das Essen beruhigt, geschützt oder durch einen schwierigen Moment getragen.
Wenn wir diese Zusammenhänge verstehen, entsteht Raum für neue Möglichkeiten. Nicht durch mehr Druck, sondern durch Aufmerksamkeit, neue Erfahrungen und einen freundlicheren Umgang mit sich selbst.
Was nach der Spritze wichtig bleibt
Eine Abnehmspritze kann eine wertvolle medizinische Hilfe sein. Sie ist keine Abkürzung.
Wenn das Gewicht nach dem Absetzen wieder steigt, kann das eine verständliche körperliche Reaktion sein. Bleibt emotionales Essen bestehen oder wird später wieder stärker, bedeutet auch das nicht, dass die Behandlung versagt hat.
Wir müssen uns nicht zwischen Abnehmspritze und Bauchgefühl entscheiden. Eine medizinische Behandlung kann den Körper unterstützen. Gleichzeitig dürfen wir uns um das kümmern, was auf keiner Waage sichtbar wird: unsere Beziehung zum Essen und zu uns selbst.
Was nach der Spritze kommt, braucht nicht noch mehr Kontrolle. Es braucht realistische Erwartungen, eine gute medizinische Begleitung und einen freundlicheren Blick auf den eigenen Körper.
Quellen und weiterführende Informationen
- Swissmedic: Informationen zu zugelassenen Arzneimitteln in der Schweiz
- Koide Y. et al. (2025): Untersuchung zu GLP-1-Medikamenten und verschiedenen Formen des Essverhaltens
- West S. et al. (2026): Übersichtsarbeit zur Gewichtsentwicklung nach dem Absetzen gewichtsregulierender Medikamente
- Wilding J. P. H. et al. (2022): STEP-1-Verlängerungsstudie nach dem Absetzen von Semaglutid
- Aronne L. J. et al. (2024): SURMOUNT-4-Studie zur Fortsetzung und zum Absetzen von Tirzepatid
- Tribole E. und Resch E.: Die Grundsätze des intuitiven Essens
Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine individuelle medizinische oder ernährungstherapeutische Beratung.


