Bild: Daniela Bodmer (Mitte) mit ihren Mentorinnen Jane Hirschmann und Carol Munter. Foto: privat.
Vielleicht kennst du das: Du hast schon so viele Diäten ausprobiert, hast dich angestrengt, verzichtet und gehofft, und am Ende standest du doch wieder am Anfang, oft mit dem leisen Gefühl, versagt zu haben. Wenn es dir so geht, möchte ich dir heute eine Geschichte erzählen. Sie zeigt dir, dass du nicht allein bist, und dass schon vor dir viele Frauen gespürt haben: Nicht du bist das Problem, sondern die Diät.
Diese Geschichte beginnt vor rund fünfzig Jahren, bei Frauen, die den Mut hatten, ihrem eigenen Erleben mehr zu glauben als allen Versprechen der Diätindustrie. Aus ihren Zweifeln, ihren Gesprächen und ihrer Beharrlichkeit ist gewachsen, was wir heute intuitives Essen nennen. Bei zwei von ihnen durfte ich lernen, und deshalb liegt mir diese Geschichte besonders am Herzen.
Die 1970er: Als Frauen zu zweifeln begannen
In den 1970er-Jahren war vieles im Aufbruch. Frauen begannen, ihre Rolle in der Gesellschaft neu zu denken, und gleichzeitig wuchs der Druck, immer schlanker zu sein. In diesem Spannungsfeld tauchte eine Frage auf, die bis dahin kaum jemand laut gestellt hatte: Was, wenn die Diät gar nicht die Lösung ist, sondern ein Teil des Problems?
Schon 1973 eröffnete die Ernährungsberaterin Thelma Wayler in Vermont ein Programm ganz ohne Diät. Einige Jahre später erschien ein Buch, das viele Frauen tief berührte: «Fat Is a Feminist Issue» der britischen Psychotherapeutin Susie Orbach. Sie wagte es zu fragen, warum wir essen, obwohl unser Körper gar nicht hungrig ist, und was Dicksein und Dünnsein für uns im Innersten bedeuten. Damit holte sie ans Licht, was so viele Frauen still mit sich herumtrugen.
Auch Carol Munter, die später eine meiner Lehrerinnen wurde, vertrat schon damals eine Haltung, die geradezu revolutionär war: Hör auf mit Diäten. Lerne wieder, deinen Hunger und dein Sattsein zu spüren. Und gib deinen Gefühlen eine Stimme, statt sie mit dem Essen hinunterzuschlucken.
New York, 1988: Ein Buch, das Frauen befreite
Jane Hirschmann und Carol Munter arbeiteten in Manhattan als Psychotherapeutinnen und leiteten Gruppen für Menschen, die mit dem Essen kämpften. Dort begegneten ihnen immer wieder dieselben Geschichten von Verzicht, Schuldgefühlen und Überessen. 1988 schrieben sie auf, was sie dem entgegensetzen wollten, in ihrem Buch «Overcoming Overeating».
Ihre Botschaft war so einfach wie mutig: Iss, wenn du hungrig bist, und zwar das, worauf du wirklich Lust hast. Lerne, den Hunger deines Bauches vom Hunger deiner Seele zu unterscheiden, den Magenhunger vom Mundhunger. Und sorge dafür, dass genug da ist, damit der Mangel endlich aufhören darf. Sie nannten das «demand feeding», so wie man ein Baby füttert: liebevoll, verlässlich und dann, wenn es Hunger hat. Damit luden sie Frauen ein, sich selbst so zu nähren, wie sie es sich vielleicht schon lange gewünscht hatten.
Das Buch traf einen Nerv. Eine grosse Frauenzeitschrift druckte vorab Auszüge, und überall fanden sich Leserinnen zu Gruppen zusammen, um den Weg gemeinsam zu gehen. 1995 folgte ihr zweites Buch, «When Women Stop Hating Their Bodies». Darin zeigen sie, wie viel Kraft Frauen im Kampf gegen den eigenen Körper verlieren, und wie das Essen wieder seinen richtigen Platz finden kann, wenn dieser Kampf endet.
Die frühen 1990er: Die Diät gerät ins Wanken
Anfang der 1990er-Jahre begann sich etwas zu drehen. In den USA geriet die Diätindustrie unter Druck, und mehrere grosse Anbieter mussten sich wegen irreführender Werbung verantworten. 1992 hielt eine Fachkonferenz der US-Gesundheitsbehörde fest, was viele Frauen längst am eigenen Leib erfahren hatten: Dauerhaft abzunehmen gelingt den meisten nicht. Ein Forscher schätzte, dass weniger als fünf Prozent ihr tieferes Gewicht über fünf Jahre halten. [1]
Im selben Jahr lud Mary Evans Young zu einem Picknick mit rund einem Dutzend Frauen ein. Aus dieser kleinen Runde wurde der Internationale Anti-Diät-Tag, der seither jedes Jahr im Mai begangen wird.
1995: Das intuitive Essen bekommt seinen Namen
In dieser Zeit hatten zwei Ernährungsberaterinnen in den USA ihre Praxen im selben Haus: Evelyn Tribole und Elyse Resch. Beide schrieben Diätpläne, so wie sie es gelernt hatten, und beide mussten zusehen, wie ihre Klientinnen daran scheiterten und sich dafür schämten. Irgendwann wollten sie das nicht länger mittragen.
Um 1993 begannen sie, gemeinsam ein Buch zu schreiben, mit dem kämpferischen Arbeitstitel «Diet Backlash». Elyse Resch erzählte später, welche Bücher sie damals bewegt hatten: «Fat Is a Feminist Issue» von Susie Orbach und «Overcoming Overeating» von Jane Hirschmann. Den Grundstein dafür hatten die Pionierinnen gelegt.
1995 erschien ihr Buch «Intuitive Eating». Was meine Lehrerinnen «demand feeding» genannt hatten, hiess nun «Honor your hunger», ehre deinen Hunger. Endlich hatte die Idee einen Namen, der sich einprägte und um die Welt ging.
Heute: Was die Forschung zeigt
Was die Pionierinnen aus der Begegnung mit so vielen Frauen wussten, hat die Wissenschaft inzwischen vielfach bestätigt. Schon 1985 zeigten die Psychologen Janet Polivy und Peter Herman, dass strenge Diäten Essanfälle eher auslösen als verhindern. [2] 2020 gab es bereits über 125 Studien zum intuitiven Essen. [3] Sie verbinden es mit einem freundlicheren Körperbild, mehr Selbstwert und mehr Wohlbefinden. [4] Und eine Schweizer Langzeitstudie mit 1’821 Teilnehmenden zeigte 2024, dass Menschen, die intuitiver essen, seltener zu viel essen und dass Frauen ihr Gewicht eher stabil halten. [5]
Mein Weg zu den Wurzeln
Ich weiss aus eigener Erfahrung, wie viel Kraft der ständige Kampf mit Diäten und dem Essen kosten kann. Meine Wende kam in New York, als ich Jane Hirschmann und Carol Munter und ihren Ansatz kennenlernte. Zum ersten Mal fühlte ich mich wirklich verstanden. Später durfte ich mich direkt bei den beiden ausbilden lassen, und seit 2006 gebe ich ihren Ansatz mit viel Herz im deutschsprachigen Raum weiter. Dass sich unsere Wege damals gekreuzt haben, empfinde ich bis heute als grosses Geschenk. Mehr darüber erzähle ich in meiner Geschichte.
Was bleibt
Fünfzig Jahre später ist ihre Botschaft aktueller denn je: Dein Körper ist nicht dein Feind, und dein Hunger ist kein Fehler. Er ist dein Kompass, und du darfst ihm wieder vertrauen. Vielleicht fühlt sich dieser Gedanke für dich noch fremd an. Dann darfst du dir Zeit lassen, denn Vertrauen wächst Schritt für Schritt.
Wie du anfangen kannst, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch «Überessen überwinden – Mit Bauchgefühl zu mehr Lebensfreude». Und wenn du dir Begleitung wünschst, bin ich gerne für dich da, in Basel, in Oberwil oder online. Melde dich für ein unverbindliches Gespräch.
Quellen
- Bruno, B. A. (o. J.). The History of Health at Every Size®: Chapter 5: The Early 1990s. NAAFA.
- Polivy, J. & Herman, C. P. (1985). Dieting and binging: A causal analysis. American Psychologist, 40(2), 193–201.
- Gattuso, R. (2020). Intuitive Eating: Interview with Evelyn Tribole and Elyse Resch. Talkspace.
- Linardon, J., Tylka, T. L. & Fuller-Tyszkiewicz, M. (2021). Intuitive eating and its psychological correlates: A meta-analysis. International Journal of Eating Disorders, 54(7), 1073–1098.
- Giacone, L., Sob, C., Siegrist, M. & Hartmann, C. (2024). Intuitive eating and its influence on self-reported weight and eating behaviors. Eating Behaviors, 52, 101844. Die Studie zeigt Zusammenhänge, keinen Beweis für Ursache und Wirkung.
Weitere Quellen zur Geschichte:
- Bruno, B. A. (o. J.). The History of Health at Every Size®: Chapter 3: The 1970s. NAAFA.
- Orbach, S. (1978). Fat Is a Feminist Issue. Paddington Press.
- Hirschmann, J. R. & Munter, C. H. (1988). Overcoming Overeating: Living Free in a World of Food. Addison-Wesley.
- Rezension zu «Overcoming Overeating». Publishers Weekly.
- Hirschmann, J. R. & Munter, C. H. (1995). When Women Stop Hating Their Bodies.
- Tribole, E. & Resch, E. (1995). Intuitive Eating. St. Martin’s Press.
- Tylka, T. L. (2006). Development and psychometric evaluation of a measure of intuitive eating. Journal of Counseling Psychology, 53(2), 226–240.
Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.



