Bild: Die Sängerin Vera Klima im August 2017. Foto: Kaykaywiki, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
Manchmal hört man einen Song und denkt einfach: Genau so ist es. So ging es mir mit «PLAY» von Vera Klima. In wenigen Zeilen beschreibt sie etwas, das viele Frauen ziemlich gut kennen dürften: Wir sollen irgendwie alles gleichzeitig sein. Selbstbewusst, aber nicht zu selbstbewusst. Einen eigenen Kopf haben, aber bitte nicht zu unbequem werden. Gut aussehen, erfolgreich sein, für andere da sein – und möglichst soll das Ganze mühelos gehen.
Alles gleichzeitig sein – und bitte mühelos
Vera Klima bringt diese Widersprüche mit viel Humor auf den Punkt:
«ich soll Bombe aussehen aber nicht explodieren»
Ich musste schmunzeln, als ich das gehört habe. Weil es dieser ganz normale Wahnsinn ist, den wir jeden Tag erleben. Familie, Beruf, Partnerschaft, Freundschaften, Kinder, oft auch die eigenen Eltern, Haushalt. Da kommt einiges zusammen. Und irgendwo mittendrin sollen wir natürlich auch noch gut für uns selbst sorgen.
Wenn Entspannung zum nächsten To-do wird
Besonders hängen geblieben ist bei mir diese Zeile:
«ich soll mich mal entspannen und dabei funktionieren»
Kann mir jemand sagen, wie das gehen soll? Wir sollen entspannt sein, gut gelaunt und trotzdem alles schaffen, organisieren und auffangen. Irgendwann fühlt sich selbst Entspannung wie ein weiterer Punkt auf der To-do-Liste an. Dabei wäre echte Entspannung doch genau das Gegenteil: für einen Moment nichts leisten, nichts kontrollieren, nichts lösen müssen. Einfach einmal sein dürfen.
In «PLAY» geht es auch darum, ein Nest zu bauen und gleichzeitig die Welt zu erobern, nach den Sternen zu greifen und trotzdem auf dem Boden zu bleiben. Was fast spielerisch klingt, erzählt ziemlich viel über die Erwartungen, die auf uns liegen.
Wenn Essen die einzige Pause ist: emotionales Essen bei Stress
Mich hat der Song auch deshalb so angesprochen, weil ich in meiner Arbeit viele wundervolle Frauen kennenlerne. Frauen, die viel geben, viel tragen und oft gar nicht mehr sehen, was sie jeden Tag alles bewältigen. Und trotzdem tauchen irgendwann diese Fragen auf: Warum schaffe ich es nicht, entspannter zu sein? Warum bin ich nicht zufriedener? Warum bekomme ich das mit dem Essen nicht besser hin?
Gerade beim Essen begegnet mir dieser Druck immer wieder. Essen kann für einen Moment Pause sein: Trost, Belohnung, Ruhe oder ein Augenblick, in dem niemand etwas von einem möchte. Und schon kommt die nächste Erwartung: gesund essen, nicht zu viel, am besten noch abnehmen.
Emotionales Essen bei Stress ist deshalb kein Zeichen fehlender Disziplin. Oft ist es ein ziemlich kluger Versuch, sich in einem vollen Alltag etwas Gutes zu tun. Essen ist schnell da, braucht keine Erklärung und stört niemanden. Schwierig wird es meist nicht durch das Essen selbst, sondern dadurch, dass es die einzige Pause bleibt.
Vielleicht kennst du das: Am Abend, wenn endlich Ruhe einkehrt, stehst du vor dem Kühlschrank, obwohl du eigentlich keinen Hunger hast. Oder du isst nebenbei, zwischen zwei Aufgaben, und merkst es erst hinterher. Danach kommen die Vorwürfe, und der Stress wird noch grösser. Warum wir auch ohne körperlichen Hunger essen, habe ich in einem eigenen Beitrag ausführlicher beschrieben.
Ein erster Schritt muss kein neuer Vorsatz sein. Oft hilft es schon, kurz innezuhalten und sich zu fragen: Was brauche ich gerade wirklich? Hunger stillen, Ruhe, Trost – oder einfach fünf Minuten, in denen niemand etwas von mir will? Wenn du das ohne Urteil wahrnimmst, verändert sich bereits etwas. Nicht, weil du dich mehr zusammenreisst, sondern weil du freundlicher mit dir wirst.
Ein Blick in den Spiegel
Am Ende von «PLAY» mag ich besonders, wie sich der Blick verändert. Nach all dem, was wir sein und schaffen sollen, drückt sie auf PLAY. Der Blick geht in den Spiegel, und plötzlich wird etwas ganz Einfaches bewusst: Wir sind Menschen aus Fleisch und Blut.
Und dann bleiben vier Worte:
«Du machst das gut»
Wir sollten sie uns selbst wirklich öfter sagen. Nicht erst, wenn alles erledigt ist. Nicht erst, wenn alle zufrieden sind. Und auch nicht erst, wenn unser Körper so aussieht, wie wir meinen, dass er aussehen sollte.
Du machst das gut.
Danke, Vera Klima, für diesen wunderbaren Song. Wenn ihr «PLAY» noch nicht kennt, hört ihn euch auf YouTube an. Vielleicht findet ihr darin, so wie ich, eine Zeile, die euch zum Schmunzeln bringt, berührt und denken lässt: Ja. Genau so fühlt es sich an.
Wenn du merkst, dass Essen für dich oft der einzige Moment Ruhe ist, und du das verändern möchtest, ohne dich in die nächste Diät zu stürzen: Melde dich bei mir. Ich begleite dich gern.



