Bild: Oprah Winfrey bei einem Empfang im Januar 2023. Foto: Maryland GovPics, Ausschnitt: BeyPolite, via Wikimedia Commons, CC BY 2.0.
Kennst du diese innere Kritikerin, die keine Arbeitszeiten kennt?
Zu dick. Zu undiszipliniert. Schon wieder zu viel gegessen. Warum kann ich nicht einfach vernünftig sein? Andere schaffen es doch auch. Solche Gedanken tauchen vor dem Spiegel auf, beim Anziehen, nach einer Mahlzeit oder beim Blick auf ein Foto.
Mit der Zeit kann diese Körperkritik zu einem Hintergrundrauschen werden, das selbst schöne Augenblicke begleitet. Dabei spielt es nicht unbedingt eine Rolle, welche Kleidergrösse eine Frau trägt. Oft entsteht der Druck nicht allein durch unseren Körper, sondern durch den Blick, mit dem wir gelernt haben, ihn zu betrachten.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Körper bewertet werden und Schlanksein noch immer schnell mit Disziplin, Gesundheit oder Erfolg verbunden wird. Solche Botschaften können sich tief einprägen und irgendwann wie unsere eigene Wahrheit klingen: So, wie ich heute bin, genüge ich nicht.
Doch unser Wert und unser Charakter lassen sich nicht an einer Körperform ablesen. Vielleicht ist nicht unser Körper das Problem, sondern der Massstab, an dem wir gelernt haben, ihn zu messen.
Keine Frau schuldet der Welt einen schlankeren Körper.
Wie zeigt sich das in unserem Alltag? Wir geniessen eine Mahlzeit nicht, weil im Kopf bereits Kalorien gerechnet werden, oder sehen auf einem Foto zuerst einen vermeintlichen Makel und erst danach die schöne Erinnerung.
Manchmal verschieben wir sogar unser Leben auf später: Wenn ich anders aussehe, werde ich selbstbewusster sein. Dann kann ich endlich unbeschwert leben. Doch während wir auf diesen anderen Körper warten, findet unser Leben schon statt.
In guter Gesellschaft
Die US-amerikanische Medienpersönlichkeit Oprah Winfrey erreichte Millionen von Menschen und wurde zu einer der einflussreichsten Frauen der Medienwelt. Doch auch sie sprach offen über ihren jahrzehntelangen Kampf mit Essen, Gewicht und dem eigenen Körper. In ihrem Buch Was ich vom Leben gelernt habe schreibt sie:
«Schwer zu sagen, wie viel Zeit und Energie ich in meinem Leben schon für Gedanken an meine nächste Mahlzeit aufgewendet habe.»
Oprah Winfrey
Dieser Satz berührt mich, weil ich dieses Kreisen aus eigener Erfahrung kenne. Was darf ich essen? War das zu viel? Wie gleiche ich es wieder aus? Gedanken, die viele Frauen kennen. Darin liegt auch etwas Tröstliches: Was sich sehr persönlich anfühlt, erleben viele. Wir sind damit nicht allein.
Wenn Körperkritik auch unser Essverhalten beeinflusst
Aus eigener Erfahrung und aus meiner Arbeit weiss ich, wie eng Selbstkritik und Essverhalten miteinander verbunden sein können. Je härter wir mit uns sind, desto grösser können Anspannung und der Wunsch nach Entlastung werden.
Essen kann dann beruhigen oder für einen Moment den Druck unterbrechen. Danach folgen häufig Schuldgefühle, neue Vorsätze und noch mehr Kontrolle, und der Kreislauf beginnt von vorn.
Das hat nichts mit mangelnder Disziplin zu tun. Essen erfüllt in solchen Momenten oft eine Funktion: Es beruhigt, entlastet oder hilft uns, etwas auszuhalten.
Viele Frauen versuchen nicht zu wenig. Sie versuchen schon seit Jahren sehr viel. Wenn mehr Kontrolle keinen Frieden bringt, braucht es nicht noch mehr Anstrengung, sondern zunächst Verständnis, Mitgefühl und einen freundlicheren Blick auf uns selbst.
Ein Friedensangebot an den eigenen Körper
Körperakzeptanz bedeutet nicht, dass wir unseren Körper jeden Morgen wunderschön finden müssen. Und überhaupt: Wer bestimmt eigentlich, was schön ist und was nicht? Vielleicht sind wir längst schöner, als wir gelernt haben, uns zu sehen.
Es geht vielmehr darum, in unserem Körper anzukommen, ihn von innen wahrzunehmen und mehr Verbindung zu uns selbst zu finden. Unser Körper ist unser Zuhause, und unser einziges. In ihm findet unser Leben statt. Durch unseren Körper erleben wir Nähe, Bewegung und Freude – und so vieles mehr. Er lässt uns die Welt spüren und trägt unsere Geschichte.
Es verändert etwas, wenn wir unseren Körper nicht mehr nur von aussen betrachten und beurteilen, sondern ihn auch von innen wahrnehmen. Wir dürfen gut für uns sorgen, uns Gesundheit wünschen und Veränderungen wollen. Entscheidend ist aus welcher Haltung heraus: aus Ablehnung oder aus Fürsorge.
Und wenn die alte Stimme sagt: Ich bin zu dick, darf langsam eine andere daneben entstehen: Ich akzeptiere mich, wie ich heute bin, und ich sorge gut für mich.
Wenn dieser innere Kampf leiser wird, kann etwas Kostbares frei werden: unsere Aufmerksamkeit. Dann geniessen wir eine Mahlzeit mehr, sind in einem Gespräch wirklich anwesend oder sehen auf einem Foto zuerst das Lachen und die schöne Erinnerung und nicht unseren Bauch.
Lange haben wir womöglich gefragt, wie wir endlich den Körper bekommen, mit dem unser Leben beginnen kann. Wir sollten uns eher fragen: Wie viel von unserem Leben möchten wir noch damit verbringen, gegen den Körper zu kämpfen, in dem es längst stattfindet.
Quellen und weiterführende Hinweise
- Oprah Winfrey: Was ich vom Leben gelernt habe. Aus dem Amerikanischen von Andrea Kunstmann, Fischer Taschenbuch, 2015.



