Du meisterst deinen Alltag, übernimmst Verantwortung und bist für andere da. Doch wenn es ums Essen geht, zweifelst du an dir.
Du nimmst dir etwas vor, hältst es eine Weile durch und isst dann doch anders als geplant. Schnell kommt der Gedanke: «Warum schaffe ich das nicht? Ich müsste doch nur konsequenter sein.»
Aber was bringt dich zu dem Schluss, dass du undiszipliniert bist? Oft ist es eine Essregel, die du nicht eingehalten hast. Ob diese Regel überhaupt zu dir passt, hinterfragst du kaum. Stattdessen hinterfragst du dich.
Warum wird Essen zur Prüfung unseres Charakters?
«Heute war ich brav.» «Am Wochenende habe ich gesündigt.» Solche Sätze begegnen uns ganz selbstverständlich. Wir bewerten damit nicht nur unser Essen, sondern auch uns selbst.
Wie schnell das die Freude am Essen trüben kann, zeigt ein alltäglicher Moment: Du sitzt mit einer Freundin im Café, geniesst den Kuchen und das Gespräch. Doch hinterher fällt dir dein Vorsatz ein, diese Woche nichts Süsses zu essen. Schon ärgerst du dich: «Ich bin willensschwach.»
Der schöne Nachmittag rückt in den Hintergrund. Dabei sagt dieses Stück Kuchen nichts darüber aus, wie zuverlässig oder diszipliniert du bist.
Wenn auch das Gewicht zum Vorwurf wird
Noch schneller geraten wir in diese Falle, wenn wir das Gefühl haben, zu viel zu wiegen. Dann scheint der eigene Körper den Vorwurf zu bestätigen: «Man sieht ja, dass ich mich nicht zusammenreissen kann.» Auch Bemerkungen von anderen können dieses Gefühl verstärken.
Doch dein Gewicht ist kein Mass für deine Disziplin. Wir bringen unterschiedliche körperliche Voraussetzungen mit. Trotzdem vergleichen wir uns oft so, als könnten wir alle durch dieselbe Anstrengung denselben Körper bekommen. Bleibt das erhoffte Gewicht aus, zweifeln wir an uns.
Was übersehe ich, wenn ich mich willensschwach nenne?
Einschränkungen und Verbote können das Verlangen nach Essen verstärken. Auch die beruhigende Funktion des Essens spielt dabei eine Rolle. Der Vorwurf mangelnder Willenskraft lässt diese Zusammenhänge ausser Acht.
Mit «Ich bin undiszipliniert» scheint die Erklärung bereits gefunden. Dabei bleiben wichtige Fragen offen: Hast du dir tagsüber genügend Zeit zum Essen genommen? Warst du nach der Mahlzeit zufrieden? Gab es überhaupt einen Moment, in dem deine Bedürfnisse Platz hatten?
Was dir statt Disziplin helfen kann
Ich kenne diesen Kampf gut. Lange habe ich selbst unzählige Diäten ausprobiert und mir immer neue Regeln gemacht, weil ich mein Gewicht verändern wollte. Heute weiss ich: Diäten funktionieren bei den meisten Menschen nicht. Und das liegt nicht an dir. Das liegt an der Diät.
Jane Hirschmann und Carol Munter, bei denen ich gelernt habe, erklären, warum Verbote so viel Macht über uns haben: Was wir uns verbieten, wollen wir umso mehr, selbst wenn das Verbot eigentlich Sinn machen würde. Auf Verzicht folgt fast immer Gegenwehr, und so entsteht ein Kreislauf aus Kontrolle und Überessen. Mit Willensschwäche hat das nichts zu tun.
Es braucht also nicht mehr Disziplin, sondern einen anderen Weg. Er beginnt genau dort, wo du heute stehst:
- Die Regel hinterfragen, nicht dich. Erinnerst du dich an den Vorsatz, diese Woche nichts Süsses zu essen? Statt dich zu fragen, warum du ihn nicht geschafft hast, darfst du fragen: Passt diese Regel überhaupt zu mir?
- Dir Essen erlauben. Wenn der Kuchen nicht mehr verboten ist, gibt es nichts mehr, wogegen du ankämpfen musst.
- Ohne schlechtes Gewissen geniessen. Dann darf der Nachmittag im Café einfach ein schöner Nachmittag bleiben.
- Dich nicht mehr kritisieren, egal was ist. Auch wenn du anders gegessen hast als geplant, bleibst du freundlich mit dir.
- Dich neugierig und liebevoll begleiten. Interessier dich wirklich für dich: Was brauche ich gerade? Was tut mir gut?
Willensschwach, wenn es ums Essen geht? Vielleicht beschreibt dieses Wort gar nicht dich, sondern das Urteil, das du über dich gelernt hast. Du darfst anfangen, es zu hinterfragen – und dir selbst mit mehr Verständnis zu begegnen.
Du musst diesen Weg nicht allein gehen. Wenn du magst, melde dich für ein unverbindliches Gespräch oder lies mehr in meinem Buch «Überessen Überwinden».
Quelle: Hirschmann, J. R. & Munter, C. H. (1988). Overcoming Overeating: Living Free in a World of Food. Addison-Wesley.



