Ein schwieriges Gespräch klingt noch nach, und du greifst zur Schokolade. Die Aufgaben stapeln sich, du weisst kaum, wo du anfangen sollst, und holst dir etwas zu essen. Oder du sitzt abends allein zu Hause, wünschst dir jemanden an deiner Seite und öffnest eine Packung Kekse.
Körperlichen Hunger spürst du in diesen Momenten vielleicht kaum. Doch das Essen beruhigt, lenkt ab oder tröstet, oft noch bevor dir bewusst wird, was dich gerade bewegt. Und hinterher fragst du dich, warum du schon wieder gegessen hast.
Ich kenne das aus meinem eigenen Leben und aus vielen Jahren Arbeit mit Menschen, denen es ähnlich geht. Und ich weiss: Es gibt einen Weg heraus, ohne Diät, ohne Verbote und ohne dass du dich noch mehr anstrengen musst.
Das Wichtigste in Kürze:
- Beim emotionalen Essen weckt nicht der Körper den Wunsch zu essen, sondern ein Gefühl wie Stress, Einsamkeit oder Langeweile.
- Das ist menschlich und kein Zeichen von Willensschwäche. Essen übernimmt in solchen Momenten eine Aufgabe: Es beruhigt und tröstet.
- Diäten und Verbote helfen meist nicht. Hilfreicher ist es, Magenhunger und Mundhunger unterscheiden zu lernen und dem Bedürfnis hinter dem Essen liebevoll zu begegnen.
Darum geht es:
- Was ist emotionales Essen?
- Woran du emotionales Essen erkennst
- Welche Gefühle dich zum Essen bringen
- Wie Essen mit Trost, Nähe und Entspannung verbunden wird
- Wenn Essen Gefühle leiser macht
- Warum Disziplin und Selbstkritik nicht helfen
- Was dir helfen kann
- Intuitives Essen und mein Weg
- Begleitung bei emotionalem Essen in Basel, Oberwil und online
- Häufige Fragen zu emotionalem Essen
Was ist emotionales Essen?
Von emotionalem Essen sprechen wir, wenn nicht der Körper nach Nahrung verlangt, sondern ein Gefühl den Wunsch zu essen auslöst oder verstärkt. Essen wirkt dann erst einmal tröstend, beruhigend oder belohnend.
Damit bist du nicht allein: In einer grossen US-Studie mit 5’863 Erwachsenen gab rund jede fünfte Person an, bei Aufregung oder Stress oft oder sehr oft essen zu wollen. [1]
Hinschauen lohnt sich vor allem dann, wenn dich dein Essverhalten belastet oder Essen einer der wenigen Wege geworden ist, mit schwierigen Momenten umzugehen.
Woran du emotionales Essen erkennst
Emotionales Essen fühlt sich bei allen etwas anders an. Diese Anzeichen begegnen mir aber immer wieder:
- Die Lust auf Essen kommt plötzlich, oft kurz nach einem bestimmten Erlebnis oder Gefühl.
- Du hast Lust auf etwas ganz Bestimmtes, zum Beispiel Süsses oder Salziges, und nicht einfach auf eine Mahlzeit.
- Du isst weiter, obwohl du eigentlich schon satt bist.
- Du isst nebenbei, hastig oder heimlich und merkst kaum, was du isst.
- Hinterher fühlst du dich nicht zufrieden, sondern schuldig oder beschämt.
Wenn du dich darin wiederfindest, sagt das nichts Schlechtes über dich. Es ist einfach ein guter Ausgangspunkt, um genauer hinzuschauen.
Welche Gefühle dich zum Essen bringen
Welche Gefühle uns zum Essen bringen, ist sehr persönlich. Bei den Menschen, die ich begleite, tauchen besonders häufig diese auf:
- Stress. Essen ist oft das schnellste Mittel, um scheinbar für einen Moment zu entspannen.
- Müdigkeit und Erschöpfung. Wenn die Kraft fehlt, suchen wir schnell verfügbare Energie. Hier meldet sich oft auch dein Körper, denn zu wenig Schlaf kann den Appetit spürbar steigern.
- Einsamkeit und Traurigkeit. Essen kann sich anfühlen wie ein vertrauter Freund, der immer da ist.
- Ärger und Frust. Statt ihn zu zeigen, schlucken wir ihn manchmal mit dem Essen hinunter.
- Langeweile. Essen füllt eine Lücke, wenn sich ein Moment leer anfühlt.
- Körperkritik. Je härter wir mit uns sind, desto grösser wird der Wunsch nach Entlastung, und das Essen soll sie wenigstens kurz bringen. Mehr dazu in «Wenn Körperkritik Lebensfreude kostet».
Erkennst du dich wieder? Dann schau mit Neugier hin und nicht mit Strenge. Solche Auslöser zeigen dir, welche Rolle das Essen in deinem Leben spielt. Natürlich sind Gefühle nicht der einzige Grund, warum wir manchmal ohne Hunger zum Essen greifen. Welche weiteren Gründe es gibt, beschreibe ich in «Du greifst zu Essen, obwohl du keinen Hunger hast?».
Wie Essen mit Trost, Nähe und Entspannung verbunden wird
Diese Verbindung beginnt früh. Schon als Baby erleben wir beim Stillen oder beim Trinken aus dem Fläschchen vertraute Arme, Wärme und eine beruhigende Stimme. Nahrung und Zuwendung gehören von Anfang an zusammen.
Vielleicht kennst du auch eine Erinnerung wie diese: Du kommst nach einer misslungenen Prüfung enttäuscht nach Hause. Deine Grossmutter stellt dir ein Stück Kuchen hin: «Komm, setz dich zu mir.» Sie hört dir zu, und die Enttäuschung wiegt für einen Moment weniger schwer. Jahre später erinnert dich dieser Kuchen vielleicht an diese Geborgenheit, auch wenn du heute allein am Küchentisch sitzt.
Solche Verbindungen entstehen auch im Erwachsenenleben. Vielleicht bist du alleinerziehend und trägst im Alltag vieles allein. Erst wenn die Kinder abends schlafen, setzt du dich mit etwas zu essen hin. Zum ersten Mal an diesem Tag will niemand etwas von dir. Wiederholt sich diese Pause, verbindet sich das Essen mit dem Gefühl: Jetzt ist Zeit für mich. Wie gut es dann tun kann, dir selbst zu sagen «Du machst das gut», erzähle ich in meinem Beitrag über Vera Klimas Song «PLAY».
Wenn Essen Gefühle leiser macht
Kehren wir zum schwierigen Gespräch vom Anfang zurück. Die Worte gehen dir nicht aus dem Kopf, du fühlst dich verletzt und greifst zu etwas zu essen. Du schmeckst, kaust, und das Gespräch rückt in den Hintergrund. Essen spricht zudem Systeme im Gehirn an, die an Motivation und Genuss beteiligt sind. [2] Die Anspannung lässt ein wenig nach.
Besonders vertraut ist diese Entlastung, wenn es dir schwerfällt, Gefühle zuzulassen. Wer oft gehört hat «Sei nicht so empfindlich», hat womöglich gelernt, Traurigkeit und Ärger zurückzuhalten. Manchmal fehlt auch einfach die Kraft. Erleben wir die Erleichterung durch Essen immer wieder, wird daraus ein vertrautes Muster.
Warum Disziplin und Selbstkritik nicht helfen
Viele versuchen, emotionales Essen mit noch strengeren Regeln in den Griff zu bekommen. Ich habe das selbst lange versucht. Meist führt es in einen Kreislauf: Anspannung, Essen, Scham, neue Vorsätze und noch mehr Anspannung.
Das liegt nicht an dir. Essen erfüllt in solchen Momenten eine Aufgabe: Es beruhigt und entlastet. Solange nichts anderes diese Aufgabe übernimmt, kommt der Wunsch zu essen wieder. Warum du deshalb nicht willensschwach bist, erkläre ich in einem eigenen Beitrag.
Dazu kommen die Vorwürfe danach: «Warum habe ich schon wieder so viel gegessen? Morgen esse ich weniger.» Jetzt scheint das Problem beim Essen oder beim Körper zu liegen, und die eigentliche Verletzung aus dem Gespräch bekommt kaum noch Raum.
Wenn du dieses Muster bemerkst, kannst du behutsam zurückschauen: «Was war los, bevor ich angefangen habe, mich zu kritisieren?» Hinter den Vorwürfen wird dann womöglich Enttäuschung, Ärger oder der Wunsch nach Unterstützung sichtbar. Wie du nach einem Essanfall gut für dich sorgen kannst, beschreibe ich in einem eigenen Beitrag.
Was dir helfen kann
Wenn du emotionales Essen überwinden möchtest, ist das Ziel nicht, nie mehr aus Gefühlen zu essen. Das Ziel ist, wieder eine Wahl zu haben.
Magenhunger oder Mundhunger?
Ein guter erster Schritt ist, zu spüren, um welchen Hunger es sich gerade handelt. Von Jane Hirschmann und Carol Munter habe ich gelernt, zwei Arten von Hunger zu unterscheiden. [3]
Magenhunger kommt eher langsam. Du spürst ihn im Bauch, an nachlassender Energie oder daran, dass du dich schlechter konzentrieren kannst. Nach dem Essen bist du satt.
Mundhunger taucht häufig plötzlich auf, oft auch dann, wenn dein Körper gerade nichts braucht. Er sucht Trost, Entspannung oder Ablenkung und lässt sich vom Sattsein nicht immer beruhigen. Mundhunger ist kein Fehler. Er zeigt dir, dass gerade ein anderes Bedürfnis gesehen werden will.
Oft ist auch beides zugleich da. Und nach einem Tag, an dem du zu wenig gegessen hast, kann sich auch Magenhunger plötzlich und drängend anfühlen. Die Unterscheidung ist deshalb keine feste Regel, sondern eine Einladung, genauer in dich hineinzuspüren.
Die Botschaft hinter dem emotionalen Hunger
Hinter dem Mundhunger wartet oft eine Botschaft auf dich: ein Bedürfnis, das lange zu kurz gekommen ist. Vielleicht fällt dir auf, dass der Griff zur Schokolade oft nach Tagen kommt, an denen du zu allem Ja gesagt hast. Dann steckt dahinter womöglich der Wunsch, auch einmal Nein zu sagen, dich besser abzugrenzen und es nicht immer allen recht machen zu müssen. Oder du sehnst dich nach etwas Zeit, die nur dir gehört. Es kann aber noch vieles andere dahinterstecken. Was es bei dir ist, kannst du in deinem eigenen Tempo herausfinden. Dein Hunger ist dabei ein Wegweiser zu dir selbst.
Ein Weg in kleinen Schritten
Die Unterscheidung und das Hinhören helfen dir, deutlicher zu spüren, was gerade in dir los ist. Sei dabei geduldig mit dir: Am Anfang wirst du auch bei emotionalem Hunger noch zum Essen greifen, und das ist in Ordnung. Nach und nach wird der emotionale Hunger kleiner, je verlässlicher du auf deinen Magenhunger antwortest und je verständnisvoller du mit deinem emotionalen Hunger umgehst.
Auf den Magenhunger antworten heisst: Iss, wenn du hungrig bist, und zwar das, worauf du wirklich Lust hast. Wenn nichts mehr verboten ist, verliert das früher Verbotene mit der Zeit einen Teil seines Reizes. Und du merkst, dass dein Körper nach ganz Unterschiedlichem verlangt, nicht nur nach Süssem. Am Anfang helfen dir kleinere Portionen, dafür öfter am Tag. So spürst du leichter, wann dein Hunger wiederkommt.
Eine kleine Übung für den Alltag
Wenn du das nächste Mal nach einem schwierigen Tag vor dem Küchenschrank stehst, halte einen Moment inne. Atme tief durch und schenk dir ein paar leise Fragen, so liebevoll, wie du eine gute Freundin fragen würdest:
- Ist es Magenhunger im Bauch oder eher Mundhunger aus einem Gefühl?
- Was ist gerade passiert, oder was beschäftigt mich?
- Wie geht es mir gerade?
- Was brauche ich jetzt wirklich?
Vielleicht ist es die Schokolade. Vielleicht auch ein Gespräch, eine Pause oder ein freundlicher Gedanke an dich selbst. Alles darf sein. Es geht nicht darum, nie mehr aus Gefühlen zu essen, sondern dich besser kennenzulernen und hinter dir zu stehen, ob du nun isst oder nicht.
Wenn du tiefer eintauchen möchtest: Ausführlich beschreibe ich diesen Weg in meinem Buch «Überessen überwinden – Mit Bauchgefühl zu mehr Lebensfreude».
Intuitives Essen und mein Weg
Den Kampf mit dem Essen habe ich selbst lange geführt. Die Wende kam, als ich in New York mit Jane Hirschmann und Carol Munter arbeiten durfte, den Autorinnen von «Overcoming Overeating». [3] Später liess ich mich von ihnen ausbilden und gebe ihren Ansatz seither im deutschsprachigen Raum weiter. Mehr darüber erzähle ich in meiner Geschichte.
Für mich ist intuitives Essen vor allem eine Haltung: wieder hinzuhören, was in dir vorgeht. Du spürst Hunger und Sättigung, geniesst dein Essen und merkst, wenn dir eigentlich etwas anderes fehlt.
Und je mehr du bei dir ankommst, desto deutlicher spürst du, was dir schmeckt und was dir guttut. Mit der Zeit reicht dieses Wissen über den Teller hinaus. Du merkst, welche Menschen dir guttun, wie viel Ruhe du brauchst und wofür dein Herz schlägt. So wird das Essen zu einer leisen Lehrmeisterin: Wer lernt, auf den eigenen Hunger zu hören, lernt auch, auf sich selbst zu hören.
Begleitung bei emotionalem Essen in Basel, Oberwil und online
Du musst diesen Weg nicht allein gehen. Wenn du dein Essen besser verstehen und freundlicher mit dir umgehen möchtest, begleite ich dich gerne: in Basel, in meiner Praxis in Oberwil oder online. Gemeinsam schauen wir, was dich im Alltag beschäftigt, welche Rolle das Essen dabei spielt und was du brauchst. In deinem Tempo und mit Raum für deine Geschichte. Wenn du magst, melde dich für ein unverbindliches Gespräch.
Häufige Fragen zu emotionalem Essen
Ist emotionales Essen eine Essstörung?
Nicht an sich. Fast alle essen manchmal aus Gefühlen heraus. Eine fachliche Abklärung ist sinnvoll, wenn du sehr darunter leidest oder wenn du zum Beispiel:
- beim Essen öfter die Kontrolle verlierst, manchmal auch bei sehr grossen Mengen
- versuchst, das Essen durch Erbrechen, Abführmittel, Fasten oder sehr viel Sport auszugleichen
- merkst, dass Essen, Figur oder Gewicht deinen Alltag bestimmen
- dich oft niedergeschlagen oder hoffnungslos fühlst
Erste Ansprechpersonen sind deine Hausärztin, dein Hausarzt oder die Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen AES. Auch wenn du unsicher bist, darfst du dir Unterstützung holen. Meine Begleitung kann eine Behandlung ergänzen, aber nicht ersetzen.
Warum esse ich vor allem am Abend?
Der Abend ist oft der erste ruhige Moment des Tages. Gefühle, die tagsüber keinen Platz hatten, melden sich, und das Essen bietet sich als schneller Trost an.
Hilft eine Diät gegen emotionales Essen?
Meist nicht. Verbote und Diäten erhöhen den Druck und können Heisshunger und Überessen sogar begünstigen. [4] Hilfreicher ist es, regelmässig und genug zu essen und deine Gefühle besser zu verstehen. Eine Schweizer Langzeitstudie mit 1’821 Teilnehmenden fand einen Zusammenhang zwischen intuitivem Essen und seltenerem Überessen. [5]
Hilft eine Abnehmspritze gegen emotionales Essen?
Eine Abnehmspritze dämpft vor allem den körperlichen Hunger. Die Gefühle, die dich zum Essen bringen, verschwinden dadurch aber nicht. Emotionaler Hunger kann deshalb auch mit der Spritze spürbar bleiben. Ob eine solche Behandlung für dich sinnvoll ist, besprichst du am besten mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Mehr dazu in «Abnehmspritze – und was kommt danach?».
Quellen
- Elran Barak, R., Shuval, K., Li, Q., Oetjen, R., Drope, J., Yaroch, A. L., Fennis, B. M. & Harding, M. (2021). Emotional Eating in Adults: The Role of Sociodemographics, Lifestyle Behaviors, and Self-Regulation – Findings from a U.S. National Study. International Journal of Environmental Research and Public Health, 18(4), 1744. Querschnittsstudie mit 5’863 Erwachsenen.
- Berridge, K. C. (2009). ‘Liking’ and ‘wanting’ food rewards: Brain substrates and roles in eating disorders. Physiology & Behavior, 97(5), 537–550.
- Hirschmann, J. R. & Munter, C. H. (1988). Overcoming Overeating: Living Free in a World of Food. Addison-Wesley.
- Polivy, J. & Herman, C. P. (1985). Dieting and binging: A causal analysis. American Psychologist, 40(2), 193–201. Übersichtsarbeit.
- Giacone, L., Sob, C., Siegrist, M. & Hartmann, C. (2024). Intuitive eating and its influence on self-reported weight and eating behaviors. Eating Behaviors, 52, 101844. Die Studie zeigt Zusammenhänge, keinen Beweis für Ursache und Wirkung.
Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.



